Update
Update 04.11.2026: Dieser Artikel wurde vollständig überarbeitet. Korrigiert haben wir drei Punkte aus der vorherigen Fassung: Kleinstunternehmen mit Online-Shop sind vom BFSG ausgenommen, die zweite Abmahnwelle stammt von der Kanzlei MK und nicht von der Kanzlei, die sie dokumentiert hat, und für Websites ist keine EU-Konformitätserklärung vorgesehen. Neu sind der aktuelle Stand zur Marktüberwachung, zu Abmahnungen und zur geänderten Verordnung.
Was du in 10 Minuten erfährst:
- Ob deine Website unter das BFSG fällt, mit Schnelltest in drei Fragen
- Was die Marktüberwachung prüft und wie es um Bußgelder und Abmahnungen steht
- Welche Pflichten konkret gelten und wo die meisten Websites nachbessern müssen
Bin ich überhaupt betroffen? Drei Fragen klären es
Ob Gaststätte in Wardenburg, Handwerksbetrieb in Hude oder Laden in Hatten: Seit das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz im Juni 2025 gilt, taucht bei Website-Checks in der Region immer wieder dieselbe Frage auf. Betrifft mich das, und wie ernst muss ich es nehmen? Dazu kamen Abmahnschreiben, Meldungen über ein EU-Verfahren und viele widersprüchliche Ratschläge.
Die gute Nachricht vorweg: Für viele kleine Betriebe ist die Antwort einfacher als gedacht. Drei Fragen reichen, um die eigene Lage einzuordnen.
Betrifft dich das? Schnelltest in 30 Sekunden
Frage 1, Betriebsgröße: Hast du weniger als 10 Beschäftigte und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme? Dann bist du für Dienstleistungen wie einen Online-Shop in der Regel ausgenommen.
Frage 2, Vertrag online: Können Verbraucher auf deiner Website direkt einen Vertrag abschließen, also bestellen, buchen oder einen Termin verbindlich vereinbaren? Dann fällt dieser Teil grundsätzlich unter das BFSG.
Frage 3, reine Infoseite: Informiert deine Website nur und verweist für Aufträge auf Telefon oder E-Mail? Dann ist sie vom BFSG nicht erfasst.
Betroffen bist du also vor allem dann, wenn du größer als ein Kleinstunternehmen bist und Verbrauchern über deine Website einen Vertragsabschluss ermöglichst. Wie das im Detail aussieht, steht im nächsten Abschnitt.
Wer genau unter das BFSG fällt
Das BFSG setzt die EU-Richtlinie 2019/882 um, den European Accessibility Act. Für Websites ist vor allem eine Kategorie relevant: Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr, die für Verbraucher erbracht werden. Gemeint sind Websites und Apps, über die ein Vertrag direkt abgeschlossen werden kann. Typische Beispiele sind Online-Shops, Buchungsstrecken und verbindliche Online-Terminbuchungen. Reine B2B-Angebote ohne Verbrauchervertrag sind nicht erfasst.
Die wichtigste Ausnahme steht in § 3 Absatz 3 BFSG. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, sind vom Gesetz ausgenommen. Als Kleinstunternehmen gilt, wer weniger als 10 Personen beschäftigt und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme hat. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit stellt klar, dass das auch für Online-Shops gilt, weil der Shop-Betrieb eine Dienstleistung ist.
Die Ausnahme gilt nicht für Produkte, die das Gesetz ausdrücklich aufzählt. Dazu gehören etwa E-Book-Lesegeräte, Smartphones oder Selbstbedienungsterminals wie Ticket- oder Bezahlautomaten. Wer solche Produkte herstellt, importiert oder vertreibt, muss die Anforderungen unabhängig von der Betriebsgröße erfüllen.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Eine Bäckerei mit fünf Beschäftigten und einem Online-Formular für Tortenbestellungen ist als Kleinstunternehmen ausgenommen. Wächst sie über die Schwellen, fällt der Bestellprozess unter das BFSG. Für eine größere Website für Einzelhändler mit Shop oder Click & Collect ist das Gesetz dagegen in aller Regel einschlägig.
Für Kleinstunternehmen bietet die Bundesfachstelle Barrierefreiheit eine kostenlose Beratung an. Seit Juli 2026 gibt es dort zusätzlich Webinare und Sprechstunden speziell für Kleinstunternehmen. Wer unsicher ist, ob er unter die Ausnahme fällt, bekommt dort eine verlässliche Auskunft.
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Was ist mit dem EU-Verfahren gegen Deutschland?
Viele Meldungen sprachen in den letzten Monaten davon, dass die EU Deutschland wegen des BFSG verklagt. Das ist nicht korrekt. Es läuft ein Vertragsverletzungsverfahren, das bisher nicht beim Europäischen Gerichtshof angekommen ist.
Stand des EU-Verfahrens, Anfang November 2026
Juli 2022: Mahnschreiben der EU-Kommission an Deutschland wegen unvollständig gemeldeter Umsetzung.
Juli 2024: Erste mit Gründen versehene Stellungnahme.
11. März 2026: Ergänzende mit Gründen versehene Stellungnahme an Deutschland und Kroatien, Frist zwei Monate.
Seitdem: Die Kommission kann den Fall an den Gerichtshof verweisen und finanzielle Sanktionen beantragen. Eine Verweisung ist bis Anfang November 2026 nicht bekannt.
Die Kommission hat in ihrer Mitteilung keine konkreten Punkte genannt, in denen Deutschland nachbessern muss. Für dich als Betreiber einer Website hat das Verfahren keine unmittelbaren Folgen. Es richtet sich gegen den Staat, nicht gegen einzelne Betriebe. Möglich ist aber, dass der Gesetzgeber das BFSG später nachschärft. Eine Lockerung ist nicht in Sicht.
Die zugehörige Verordnung wurde unabhängig davon bereits angepasst. Die Änderung der BFSGV vom 10. Juli 2026 ist seit dem 16. Juli 2026 in Kraft und betrifft vor allem Selbstbedienungsterminals. Für reine Websites ändert sich dadurch kaum etwas.
Marktüberwachung, Bußgeld und Abmahnung: der Stand der Dinge
Für die Durchsetzung des BFSG gibt es zwei getrennte Wege: die Behörde und private Abmahnungen. Beide werden oft verwechselt.
Die Marktüberwachungsstelle MLBF
Zuständig ist die gemeinsame Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit, kurz MLBF, mit Sitz in Magdeburg. Sie hat am 29. Januar 2026 ihre Überwachungsstrategien beschlossen. Seit Juni 2026 gibt es mit mlbf-barrierefrei.de eine eigene Website, über die Verbraucher Barrieren melden können.
Die MLBF prüft risikobasiert auf zwei Wegen. Aktiv, häufig mit automatisierten Prüfungen, und reaktiv auf Beschwerden. Beschwerden haben Vorrang, Stichproben sind möglich. Im Fokus stehen Angebote mit hoher Reichweite und großer Bedeutung für eine selbstständige Lebensführung.
Der Bußgeldrahmen reicht nach § 37 BFSG bis 100.000 Euro. Öffentlich dokumentierte Bußgelder gegen einzelne Betriebe sind nach übereinstimmenden Fachberichten bislang nicht bekannt. Das heißt nicht, dass es keine Verfahren gibt. Meist fordert die Behörde zunächst zur Nachbesserung auf, bevor ein Bußgeld überhaupt in Betracht kommt.
Abmahnungen: zwei Wellen mit offener Rechtsfrage
Die erste Welle begann im August 2025. Abmahnungen kamen von der CLAIM Rechtsanwalts GmbH im Auftrag des Betreibers von „die-website-experten.de“. Laut Trusted Shops wurden 1.032,44 Euro gefordert, ersatzweise ein Vergleich über 595 Euro ohne Unterlassungserklärung. Mehrere Kanzleien halten diese Schreiben für angreifbar, unter anderem wegen pauschaler Vorwürfe und eines zweifelhaften Wettbewerbsverhältnisses.
Die zweite Welle läuft seit Februar 2026 und stammt von der Kanzlei MK | Michael Krause aus Berlin. Diese Schreiben enthalten einen Prüfbericht der K3 International GmbH mit konkreten WCAG-Fehlern. Die Kanzlei KBM Legal hat ein solches Schreiben dokumentiert: 1.784,10 Euro netto Abmahnkosten plus 490 Euro netto für die Webseitenanalyse, zusammen 2.706,18 Euro brutto bei einem Streitwert von 50.000 Euro. KBM Legal wertet diese Höhe als deutliches Indiz für eine rechtsmissbräuchliche Abmahnung.
Entscheidend für beide Wellen ist eine offene Rechtsfrage. Eine Abmahnung nach dem Wettbewerbsrecht setzt voraus, dass die BFSG-Pflichten Marktverhaltensregelungen nach § 3a UWG sind. Dazu gibt es bis Ende Oktober 2026 keine veröffentlichte Gerichtsentscheidung. Erste Urteile waren für das zweite Halbjahr 2026 erwartet worden.
Wenn eine Abmahnung kommt: Nicht ungeprüft zahlen und keine vorformulierte Unterlassungserklärung unterschreiben, denn sie kann bei jedem späteren Fehler eine Vertragsstrafe auslösen. Ignorieren ist ebenso falsch. Notiere die Frist und lass das Schreiben von einer Anwältin oder einem Anwalt für Wettbewerbsrecht prüfen. Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.
Prüfe außerdem zuerst, ob du überhaupt unter das BFSG fällst. Als Kleinstunternehmen mit Online-Shop oder als Betreiber einer reinen Infoseite ist die Grundlage einer BFSG-Abmahnung von vornherein fraglich.
Welche Pflichten gelten und wo Websites nachbessern müssen
Maßstab für Websites ist derzeit die WCAG 2.1 auf Stufe AA, über die europäische Norm EN 301 549 in der Version 3.2.1. Laut Fachberichten liegt bereits eine neuere Fassung der Norm mit WCAG 2.2 vor, sie ist aber noch nicht im Amtsblatt der EU gelistet. Bis dahin bleibt WCAG 2.1 AA der Bezugspunkt.
Für Dienstleistungen wie einen Online-Shop verlangt das BFSG zusätzlich Informationen darüber, wie die Dienstleistung die Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllt. Diese Informationen stehen meist in einer Erklärung zur Barrierefreiheit auf der Website, die selbst barrierefrei zugänglich sein muss. Eine eingescannte PDF-Datei im Footer erfüllt das nicht. Eine EU-Konformitätserklärung und eine technische Dokumentation wie bei Produkten sind für Dienstleistungen nicht vorgesehen.
In der Praxis zeigen sich immer wieder dieselben Schwachstellen. Viele Websites lassen sich nicht vollständig per Tastatur bedienen, ein einfacher Test mit der Tab-Taste zeigt schnell, ob Menü, Warenkorb und Formular ohne Maus erreichbar sind. Normaler Text braucht ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5 zu 1, hellgraue Schrift auf weißem Grund erfüllt das oft nicht. Bilder brauchen aussagekräftige Alternativtexte, und Formularfelder brauchen sichtbare Beschriftungen. Auch herunterladbare Dokumente wie AGB oder Preislisten sollten barrierefrei sein oder als HTML-Seite vorliegen.
Overlay-Plugins, die eine Website mit einem Klick barrierefrei machen wollen, werden von Fachleuten überwiegend kritisch bewertet. Sie legen eine Schicht über die Seite, beheben aber keine strukturellen Probleme im Code. Wer einen Shop betreibt, findet weitere aktuelle Pflichten im Beitrag zu den neuen Pflichten für Onlineshops 2026.
Zu den Übergangsregeln kursieren viele Missverständnisse. § 38 BFSG erlaubt unter anderem, dass Verträge, die vor dem 28. Juni 2025 geschlossen wurden, längstens bis zum 27. Juni 2030 unverändert fortbestehen. Eine allgemeine Schonfrist für Online-Shops bis 2030 ist das nicht.
Ob für einen Laden mit Shop oder eine Website für Dienstleister mit Online-Buchung: Die meisten Barrieren lassen sich mit überschaubarem Aufwand beheben, wenn man weiß, wo sie liegen.
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Was ich bei Website-Checks in der Region beobachte
Aus der Praxis
Was ich bei Website-Checks in der Region häufig sehe:
Die größte Unsicherheit betrifft gar nicht die Technik, sondern die Frage, ob das Gesetz überhaupt gilt. Viele kleine Betriebe haben widersprüchliche Aussagen gelesen und wissen nicht, ob ihr Bestellformular oder ihre Terminbuchung zählt. Eine klare Antwort auf die drei Fragen oben nimmt oft schon den größten Druck.
Bei Betrieben, die tatsächlich betroffen sind, sehe ich ein wiederkehrendes Muster. Die Website ist über Jahre gewachsen. Erst kam der Shop dazu, dann ein Buchungstool, später ein Kundenbereich. Jedes dieser Systeme bringt eigene Barrieren mit, und oft stammen sie von unterschiedlichen Anbietern. Ein einzelnes Plugin löst das nicht, jedes Teil muss für sich geprüft werden.
Häufig fehlt außerdem die Erklärung zur Barrierefreiheit ganz, oder sie liegt als PDF im Footer. Das ist einer der Punkte, die sich am schnellsten beheben lassen. Bei der Technik sind fehlende Formularbeschriftungen, zu schwache Kontraste und Menüs ohne Tastaturbedienung die häufigsten Baustellen.
Wie sich das entwickelt hat
Datum | Was passiert ist |
|---|---|
Juli 2022 | Mahnschreiben der EU-Kommission an Deutschland |
Juli 2024 | Erste mit Gründen versehene Stellungnahme |
28. Juni 2025 | Das BFSG gilt |
August 2025 | Erste Abmahnwelle (CLAIM Rechtsanwalts GmbH) |
29. Januar 2026 | MLBF beschließt ihre Überwachungsstrategien |
Februar 2026 | Zweite Abmahnwelle (Kanzlei MK, Berlin) |
11. März 2026 | Ergänzende mit Gründen versehene Stellungnahme der EU-Kommission |
Juni 2026 | MLBF startet eigene Website mit Meldeweg |
16. Juli 2026 | Geänderte BFSGV in Kraft |
Änderungen an diesem Artikel: Erstveröffentlichung am 31.08.2026 als Zusammenführung mehrerer BFSG-Beiträge. Überarbeitung am 04.11.2026 mit Korrekturen zur Kleinstunternehmen-Ausnahme, zur zweiten Abmahnwelle und zu den Pflichtdokumenten. Die nächste Aktualisierung folgt, sobald ein Gericht über die Abmahnfähigkeit entschieden hat oder das EU-Verfahren beim Gerichtshof landet.
Fazit
Das BFSG betrifft weniger kleine Betriebe, als viele Berichte nahelegen. Kleinstunternehmen mit Online-Shop sind ausgenommen, reine Infoseiten nicht erfasst. Wer größer ist und Verbrauchern online einen Vertragsabschluss ermöglicht, sollte seine Website an WCAG 2.1 AA ausrichten und eine barrierefreie Erklärung bereitstellen. Die Marktüberwachung arbeitet, Bußgelder sind bisher nicht öffentlich dokumentiert, und die Abmahnfähigkeit ist weiter offen. Für Betroffene ist das ein guter Zeitpunkt, die wichtigsten Punkte in Ruhe abzuarbeiten.
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